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Naomi Ryland im Interview: Wirtschaft neu denken, Führung verlernen

Veröffentlicht am: Sep 29, 2026
Naomi Ryland im Interview: Wirtschaft neu denken, Führung verlernen

Naomi Ryland im Interview: Wirtschaft neu denken, Führung verlernen

Wie kann eine Wirtschaft aussehen, die stärker der Gesellschaft dient? Welche alten Vorstellungen von Führung und Entrepreneurship müssen wir dafür hinterfragen – und welche Rolle spielt KI bei diesem Wandel?

Naomi Ryland ist beim Entrepreneurship Summit 2026 als Speakerin dabei. In der Session „What if the economy would serve society? The Power of Purpose“ spricht sie gemeinsam mit weiteren Gästen über die Frage, wie wirtschaftliches Handeln gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und Purpose mehr sein kann als ein wohlklingendes Versprechen.

Naomi Ryland hat 2014 tbd mitgegründet und beschäftigt sich heute intensiv mit Unternehmertum, Macht, Privilegien und neuen Formen der Zusammenarbeit. Im Interview spricht sie über ihre eigenen Erfahrungen als Gründerin, den Mythos des heldenhaften Gründers, die Bedeutung guter Rahmenbedingungen und darüber, warum wir manche Vorstellungen von Arbeit und Führung dringend verlernen sollten.

Du hast 2014 tbd mitgegründet. Was hat dich damals angetrieben – und was hast du seitdem über das Gründen gelernt?

Mich hat einerseits angetrieben, selbstbestimmt und mit größerer Selbstwirksamkeit arbeiten zu können. Andererseits wollte ich etwas Positives für die Gesellschaft bewirken und ein Problem vieler Menschen lösen. Letztendlich haben wir vieles davon erreicht – allerdings hat das auch enorme Kosten mit sich gebracht, insbesondere für unser Wohlbefinden.

Im aktuellen Wirtschaftssystem ist es sehr schwer, werteorientiert zu gründen und zu führen, ohne in Burnout und/oder Desillusionierung zu versinken. Deshalb arbeite ich mittlerweile lieber an systemischen Veränderungen – durch das Schreiben von Büchern über Unternehmertum, Macht und Führung, aber auch in einem Business-Kollektiv namens Unlearn Business Lab. Dort vernetzen sich viele Frauen, die sich am bestehenden System abgearbeitet haben und Alternativen ausprobieren.

Günter Faltin stellt die Idee über das Kapital. Was braucht ein gutes Ideenkind, damit daraus echte gesellschaftliche Wirkung entsteht?

Ich bin gebürtige Britin und habe zwei Kinder. Auf Englisch sagt man in Bezug auf Kindererziehung: „It takes a village.“ Bei einem Business-Baby stimmt das auch. Der Mythos des heldenhaften Gründers hat meiner Meinung nach ausgedient. Zum Erfolg eines Unternehmens tragen sehr viele Menschen bei – Mitarbeitende ebenso wie Finanzgebende und viele andere.

Auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Ganz pragmatisch gesehen hat uns damals, vor mehr als zehn Jahren, geholfen, dass wir eine unkomplizierte Finanzierung für die ersten 18 Monate erhalten haben, die wir nicht zurückzahlen mussten. Ohne diese Sicherheit im Rücken hätten wir vermutlich nicht gegründet und das Unternehmen nicht über viele Jahre hinweg aufbauen können.

Du beschäftigst dich mit Macht, Privilegien und neuen Formen der Zusammenarbeit. Welche alten Muster sollten Gründerinnen und Gründer heute bewusst verlernen?

In unserem neuen Buch Unlearn Leadership beschäftigen wir uns mit sechs Glaubenssätzen, die uns davon abhalten, innerhalb des eigenen Unternehmens wirklich anders zu arbeiten. Gründerinnen und Gründer betrifft dabei besonders die Frage nach der Anspruchshaltung.

Viele von uns – mich eingeschlossen – stammen aus gutbürgerlichen Familien. Das zeigt der Startup Monitor immer wieder. Das hat mit den jeweiligen Netzwerken zu tun, aber auch mit der Haltung zu Macht und Verantwortung, mit der wir durch die Welt gehen.

Oft gründen wir deshalb auch sehr jung – zum Beispiel direkt nach der Universität – und haben wenig bis gar keine Führungserfahrung: weder als Menschen, die führen, noch als Menschen, die geführt werden. Wenn wir möchten, dass unsere Mitarbeitenden Verantwortung übernehmen und sich im Unternehmen psychologisch sicher fühlen, ist es wichtig, die eigenen Privilegien in diesem Zusammenhang zu reflektieren – gemeinsam und kollektiv. Und es braucht auch eine gewisse Demut: Was bedeutet es eigentlich, unsere Machtposition gegenüber anderen „verdient“ zu haben?

Beim Summit diskutierst du die Frage, wie Wirtschaft stärker der Gesellschaft dienen kann. Welche Rolle können Entrepreneurship und neue Technologien wie KI dabei spielen?

KI wird vermutlich dazu führen, dass viel mehr Menschen unternehmerisch tätig werden müssen - und auch können - weil Arbeitsplätze wegfallen werden und bürokratische Hürden (hoffentlich) wegfallen.

Wir müssen sicherstellen, dass wir diese neue Generation von Unternehmerinnen und Unternehmern davon überzeugen, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, und ihnen vermitteln, wie das gelingen kann. Dafür sind Veranstaltungen wie der Entrepreneurship Summit enorm wichtig!

Am 1. Oktober erscheint „Unlearn Leadership“. Welche Vorstellung von Führung müssen wir für die Zukunft besonders dringend hinterfragen – gerade in einer Zeit, in der KI Arbeit und Führung grundlegend verändert?

Zwei der Irrtümer, mit denen wir uns beschäftigt haben, sind: „Harte Arbeit ist gute Arbeit“ und „Produktivität ist das wichtigste Maß für gute Arbeit“.

Wenn wir betrachten, wie KI die Arbeitswelt bereits verändert und was noch auf uns zukommen könnte, können wir davon ausgehen, dass ganz andere Kompetenzen und Qualitäten von Menschen gefragt sein werden als „nur“ die Reproduktion von Wissen.

Wenn wir den Klimawandel hinzunehmen, wird deutlich, dass wir nicht immer mehr produzieren können. Mit diesem Wissen haben wir die Möglichkeit, grundsätzliche Fragen dazu zu stellen, was wir von uns selbst und von unseren Mitarbeitenden erwarten – und wie wir das Leben möglichst vieler Menschen lebenswerter gestalten können.

Das sehe ich als eine der großen Herausforderungen für uns alle. Denn wenn wir die Gestaltung der Zukunft den Menschen überlassen, die uns in den vergangenen Jahrzehnten beziehungsweise Jahrhunderten in diese Situation geführt haben, werden wir nur schwer aus den aktuellen Krisen herauskommen. Führung ist kein Privileg weniger, sondern das Recht aller!

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